




27 Jahre Eine Stunde. Zwei Stunden. Ein Blatt fällt an mein Fenster. Langsam erinnere ich mich wieder. Siebenundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit.
Ich erinnere mich an das Zimmer, fast völlig schwarz und mit schlechter Beleuchtung, ich spüre den schweren süßlichen Geruch, vermischt mit dem Geruch brennender Kerzen. Noch fester drücke ich meinen Rücken gegen den Heizkörper, doch die Kälte bleibt, als ob man ohne Decke einschläft und die Temperatur des Körpers stetig absinkt. Langsam lichtet sich der Nebel vor meinen Augen und ein längst verblasstes, durch Erinnerung abgenutztes Bild verdichtet sich. Ich habe die Hoffnung darauf nie aufgegeben. Siebenundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit.
Über Jahre hinweg war ihr Bild trotz enormer Anstrengungen nicht mehr aufzufinden gewesen, nicht einmal in meinen Träumen sprach sie die Worte zu mir, die ich immer behalten werde. Nichts ließ ich unversucht, um Stimme und Tonfall in ihre Worte zu bringen und sie zum Leben zu erwecken, aber es schien nicht möglich zu sein. Mehr als ein Jahrzehnt schlief dies alles tief in mir.
Draußen vor meinem Fenster wird es dunkel, noch immer fallen Blätter gegen mein Fenster, wie an jenen Herbsttagen, die zu zählen ich irgendwann vergessen habe. Anfangs, ich erinnere mich noch gut, wurde ich oft ein wenig melancholisch und hatte unendlich viel Zeit und Geduld, um in Erinnerung zu versinken. Gerne erinnere ich mich an die erotischen Gedanken und Phantasien, an dieses nicht zu beschreibende Kribbeln im Körper, das durch ihre Erscheinung an Abenden wie diesen hervor gerufen wurde.
Nie habe ich die gesuchte Erfüllung gefunden, und doch stelle ich fest, wie erfüllt ich von ihrem Bild und ihren immer wiederkehrenden Worten war. Damals, als wir uns gegenseitig zu wärmen versuchten. Später dann, in dem Zimmer, wo sie dieses längst vergessene Lied sang und mir mit der Hand ein Stück ihrer Liebe reichte. Ich musste damals lachen. Mein Lachen durchdrang alles und verlor sich dann, als sei nichts gewesen.Wir verließen getrennt die Stadt, und ich ging durch Straßen, wo ich hätte immer von ihr träumen können. Doch ihr Lied verfolgte mich. Ich habe nie herausgefunden, welches Lied sie sang. Aber weshalb auch, die Wunde in meinem Herzen ist längst vernarbt. Siebenundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit.
Mein linkes Bein fängt an zu schmerzen. Seit dem schweren Unfall vor einigen Jahren bin ich empfindlich geworden. Noch heute trage ich in meinem linken Bein eine Schiene, die mir das Gehen oft schwer macht. Überhaupt ist mein Äußeres mit dem damaligen nicht mehr zu vergleichen, zu sehr habe ich es vernachlässigt und es an Sorgfalt fehlen lassen. Zu sehr glichen sich die Tage und Nächte, zu sehr schlich sich Gewohnheit in mein Leben.
Ich habe nichts mehr von ihr gehört; vielleicht hat sie geheiratet, obwohl diese Vorstellung mich immer noch schmerzlich trifft. In meinem Bild trägt sie nach wie vor eine schwarz-weiß karierte Bluse und einen roten Rock.
Ihre braunen Haare trägt sie schulterlang. Sie kann einfach nicht älter geworden sein.Manchmal, wenn ich wie in einem Gebet zu ihr spreche, scheint es mir, als wäre sie immer noch in ihrem kleinen schwarzen Zimmer, und ich bin ihr sehr nahe, doch sie erreicht mich nicht mehr, und ihr Gesicht ist mir entfallen. Doch jetzt denkt sie an mich, da bin ich mir ganz sicher, sie denkt an mich. Ich komme mir schmutzig vor, schmutzig und müde.
Ich möchte voller Begeisterung auf die Straße hinaustreten können und mir vorstellen, all die vergangenen Jahre wären nicht vergangen. Ich würde sie suchen gehen, sie umarmen und in einem Karussell um die Welt fliegen. Ich würde sie finden, koste es was es wolle, ich würde sie finden. Jetzt, ich sehe sie und höre auch das Lied! Tatsächlich, ich höre das Lied! Und der Geruch, ich spüre den Geruch genau und sehe das Zimmer vor mir, als wenn es gestern gewesen wäre: die schwarzen Wände, das kleine Waschbecken, die Kerzen und das alte Bett. Und ich sehe sie: ihre braunen Haare, ihre schwarz-weiße Bluse, ihren roten Rock, ihre Beine, die ich immer geliebt habe, und die roten Lackschuhe, ja, sie trug rote Lackschuhe, wie konnte ich das nur vergessen. Ihre Stimme! Und ich höre ihre Worte, als könnte ich sie berühren. Mein Lachen, verdammt, mein Lachen! Nicht das!Mein Körper zittert vor Kälte. Meine Augen sind schwer und schmerzen. Ich habe Durst. Doch ich kann mich nicht bewegen, ich sitze einfach nur da in Erinnerung, Erinnerung, Erinnerung...


